Digitale Bildung

Mehr als der Ersatz des Schulbuchs durch ein Tablet

Die Digitalisierung ist in aller Munde. Sie nimmt bereits weitreichenden Einfluss auf unsere Lebensbereiche und wird in Zukunft noch weitreichenderen nehmen, soviel steht fest. Wie man ihr politisch begegnen muss, darüber wird derzeit heftig gestritten. Datenschutz und Datenkapitalismus, (Quellen)Telekommunikationsüberwachung, Uploadfilter, Urheberrecht…? Diese wichtigen Diskussionen zeigen, dass wir junge Menschen in den Schulen schon früh auf diese Lebenswirklichkeit vorbereiten müssen, denn längst zählt die sichere Bewegung im digitalen Raum zur Mündigkeit dazu.

Hört man sich die Regierungserklärung des neuen Ministerpräsidenten an, so scheint für ihn die Digitalisierung der Bildung vor allem im Austausch von Büchertaschen durch Tablets zu bestehen. Immerhin 50.000 digitale Klassenzimmer sollen in Bayern entstehen, aber auch das bedeutet lediglich den Austausch von Infrastruktur, eine notwendige aber eben keine hinreichende Bedingung für digitale Bildung.

Sicher diese infrastrukturellen Anpassungen bringen neue, häufig interaktivere Lernformen mit sich. Im Bereich der Binnendifferenzierung, der Anpassung des Anforderungsniveaus an die Fähigkeiten der einzelnen Schüler*innen, eröffnen elektronische Endgeräte durch individuelle Aufgabenauswahl neue Unterrichtskonzepte. Vorbei sind die Zeiten, als die Lehrkräfte noch dutzende unterschiedliche Arbeitsblätter kopieren mussten. An diesem Beispiel zeigt sich aber, dass die Anpassung der Infrastruktur häufig nur vorher analoge Prozesse in digitale überführt. Damit einhergehen mag eine deutliche Zeitersparnis und Verbesserungen im Bereich des individuellen Lernens, allerdings wird für elektronische Systeme auch eine entsprechende Wartung benötigt. Diese kann kaum zusätzlich von den Lehrkräften geleistet werden. Der Einsatz von weiterem Personal ist daher genauso nötig wie die Fortbildung der Lehrkräfte für den pädagogischen Einsatz von digitalen Medien, ansonsten verfehlen die Investitionen in digitale Infrastruktur ihren Zweck.

Ein nachhaltiges digitales Bildungskonzept muss aber über den reinen Austausch der Infrastruktur hinausgehen. Es darf sich nicht nur um die bloße Anwendung digitaler Medien im Unterricht drehen, sondern muss sich sowohl mit ihrer technischen Funktionsweise als auch ihren gesellschaftlichen Auswirkungen befassen. Statt nur mit Hilfe der Digitalisierung zu lehren, muss auch über Digitalisierung gelehrt werden. Unser gerade erst beschlossene Landtagswahlprogramm fordert hierzu einen Digitalkundeunterricht. Wie kann man sich diesen vorstellen?

Bereits in der Grundschule kann spielerisch auf die technische Funktionsweise von Computern eingegangen werden. In der Vergangenheit wurden hierzu kindertaugliche Mikrocontroller und Kleincomputer wie der Raspberry Pi, Calliope mini oder micro:bit entwickelt. In Verbindung mit grafischen Programmiersprachen wie Scratch können Algorithmen so wie Bauklötze zusammengesetzt werden. Testphasen laufen bereits an einigen Schulen in Deutschland. Neben diesem grundlegenden technischen Verständnis ist es wichtig, die Kinder und Jugendlichen für den Umgang mit ihren Daten im Internet zu sensibilisieren. Bereits früh muss durch einfache Beispiele die umfassende Möglichkeit der Datensammlung aufgezeigt werden. Big Data gehört ebenso wie die sich rasant entwickelnden Neuronalen Netze in ein Bildungskonzept für die weiterführenden Schulen. Im auszubauenden Sozialkundeunterricht begegnet dieses gewonnene technische Verständnis dann den gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen.

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